19. August 2021

Sensibilisierung, Sichtbarkeit und Vertretung – mit diesen drei Schlagworten und der lila Beleuchtung des Berner Münsters lancierte Swiss Paralympic zusammen mit der Allianz am Donnerstagmorgen die Kampagne WeThe15. Diese steht für die 15% der Menschen mit Behinderung weltweit. In der Schweiz haben 1,7 Millionen Menschen ein Handicap.

Sichtbarkeit braucht Fenster. Ein Fenster bot die Podiumsdiskussion mit den Rollstuhlathlet*innen Heinz Frei, Cynthia Mathez und Marcel Hug, der ehemaligen Biathletin Theres Huser, der Stiftungsrätin von Swiss Paralympic Annick Meystre, dem Chef de Mission von Swiss Paralympic Roger Getzmann und dem sehbehinderten Allianz-Mitarbeiter Yanick Joss.

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Behinderungen sind nicht immer sichtbar

«Ich habe das Privileg, dass die Leute bei mir als Rollstuhlfahrer sofort wissen, was Sache ist. Andere Handicaps sind versteckter», sagt Heinz Frei. Zu den 15% gehört eine Vielfalt von Behinderungen. Als Aushängeschild des Schweizer Para-Sports gehöre es für ihn dazu, sich auch ausserhalb des Sports für eine barrierefreiere Gesellschaft zu engagieren.

Einen kritischen Blick auf die Kampagne wirft der Rollstuhlleichtathlet Marcel Hug, der aus dem Trainingslager im japanischen Oita zugeschaltet wurde. «Ich frage mich, ob es gut ist, wieder eine eigene Schublade aufzumachen. Man separiert diese 15% vom Rest. Überall dort, wo man separiert, werden Menschen ausgeschlossen, denn was bedeutet eigentlich Handicap?», meint der Rollstuhlleichtathlet. Die meisten Leute hätten auf irgendeine Weise eine Einschränkung. Laut Marcel Hug könnte die Kampagne im Sinne der Inklusion auch WeThe100 heissen, weil wir alle Teil der Gesellschaft sind. Das Positive der Kampagne ist für ihn aber das Bewusstwerden, dass es viel mehr Menschen betrifft als angenommen.

Sensibilisierungsparcours auf der Kornhausbrücke

Selbst eine Beeinträchtigung ausprobieren, das konnten die Fussgänger*innen im Rahmen eines Sensibilisierungsparcours von PluSport. Mit einer Prothese oder blind zu laufen bringt ein besseres Verständnis bei nicht-behinderten Menschen. Das ist einer der Gründe weshalb Annick Meystre, Stiftungsrätin von Swiss Paralympic, als Fussgängerin über 10 Jahre Rollstuhlbasketball gespielt hat.

Nicht nur im Sport, sondern vor allem auch in Unternehmen ist eine Vertretung von Menschen mit Handicap wichtig.  «Durch meine Sehbehinderung kann ich viele Themen einbringen. Ich kenne die Alltagsprobleme und so kann ich bei der Allianz eine inklusivere Arbeitswelt schaffen», sagt Yanick Joss, der in der Projektgruppe für Beeinträchtigung und Diversität arbeitet.

Keine Integration, sondern ein Zusammenwachsen

WeThe15 wurde im Vorfeld der Paralympischen Spiele in Tokio ins Leben gerufen und hat zum Ziel, die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen zu beenden und als globale Bewegung öffentlich für Inklusion und Barrierefreiheit einzutreten. Die Kampagne WeThe15 soll in 10 Jahren eine der grössten Menschenrechtsbewegungen werden. «Es gibt noch viel zu tun. Bei der Gleichstellung sind wir noch weit vom Ziel entfernt, aber schauen wir was sich in 10 Jahren entwickelt», so Annick Meystre.

Die Paralympics sind nicht nur ein sportliches Highlight, sondern haben in den vergangenen Jahren auch zu positiven Veränderungen in den Gastgeberländern geführt. Herausragende sportliche Leistungen haben Klischees zerschlagen und Menschen mit Behinderung zu weitaus grösseren Chancen in Bereichen wie Beruf und Bildung verholfen. Vor den ersten Paralympics in Japan 1964 wurden Menschen mit Handicap versteckt. Heute werden Para-Athlet*innen bei Wettkämpfen bejubelt. Nach den Paralympics in London erhielten 1 Million mehr Menschen mit Handicap einen Job.

«Auch wenn in Tokio keine Zuschauer dabei sind, spüre ich bei den Volunteers diese grosse Begeisterung für die Paralympics», berichtet der Chef de Mission Roger Getzmann aus Tokio. Die Para-Athlet*innen sind die Spitze des Eisbergs der 15 Prozent. WeThe15 möchte deshalb im Rahmen der Paralympischen Spiele auch auf alle anderen Menschen mit Handicap aufmerksam machen. WeThe15 wird spätestens bei der Eröffnungsfeier in Tokio wieder Gesprächsthema.

Foto: Keystone-SDA/Manuel Lopez

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