Beijing 2022 DE 13. März 2022

Das Schweizer Team gewinnt bei den Paralympics in Peking die angestrebte Medaille, die meisten Athlet*innen zeigen starke Leistungen. Allerdings ist man sich bei Swiss Paralympic bewusst, dass grosse Herausforderungen anstehen.

Zum Abschluss der Paralympics verpasst Thomas Pfyl als Vierter im Slalom knapp eine Medaille, “es ist schade”, sagt der Schwyzer, “das ist der undankbarste Platz.” Allerdings ist er froh, dass er nach sehr starken Rückenbeschwerden in den Tagen davor überhaupt fahren kann. “Und der Zeitabstand auf einen Podestplatz ist mit mehr als drei Sekunden doch recht gross, das hält die Enttäuschung einigermassen in Grenzen.” Damit ist die paralympische Karriere von Pfyl vorbei, was einen 4. Rang noch ein wenig undankbarer macht. Robin Cuche ist auf dem Weg zu seinem dritten Diplom, ehe der Neuenburger im zweiten Lauf ausscheidet. In der Kategorie Sitzend ist das Rennen für Murat Pelit schon im ersten Lauf vorbei, auch der Tessiner nimmt Abschied von den Winter-Paralympics. Pascal Christen erreicht im Monoskibob Rang 14, der Luzerner blickt insgesamt auf eine gelungene Premiere auf der ganz grossen Bühne zurück.

Letztlich bleibt es somit bei der einen Medaille für die Schweizer Delegation, die Théo Gmür zum Auftakt auf der Abfahrt gewinnt. “Wir können grösstenteils eine gute, zufriedene Bilanz ziehen”, sagt Swiss-Paralympic-Präsident René Will. “Das erklärte Ziel mit einer Medaille haben wir erreicht.” Diesem Urteil schliesst sich Chef de Misson Roger Getzmann an, beide verweisen darauf, “dass uns letztlich in einigen Situationen das Wettkampfglück gefehlt hat”, wie Getzmann sagt. Er ergänzt, es sei auch darum gegangen, dass sich die Athlet*innen als würdige Botschafter des Landes erweisen sollten, “und das ist auf jeden Fall gelungen”.

Will betont aber auch, dass es nach Beijing 2022 eine intensive interne Aufarbeitung brauche: “Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir noch genügend wettbewerbsfähig aufgestellt sind. Und wenn die Antwort ‘Nein” lautet - haben wir die Chance, das zu ändern?” Er spricht damit die international stark zunehmende Professionalisierung an, die auch bei Getzmann ein wichtiges Thema ist, wenn es etwa um die grossen Erfolge des chinesischen Teams geht. Am Ende ist sehr vieles eine finanzielle Herausforderung, wenn die Schweiz auch im Para-Sport weiter mit anderen Nationen mithalten will, die viel stärker von staatlicher Unterstützung profitieren.

Alpin: Bei den Besten mit dabei

“Wir haben mit der Spitze mitgehalten, die Bilanz fällt insgesamt positiv aus.” Grégory Chambaz, Nationaltrainer der Alpinen, ist mit dem Verlauf der Paralympics im Grossen und Ganzen zufrieden. Mit etwas mehr Glück hätte es neben Bronze für Théo Gmür auf der Abfahrt noch die eine oder andere Medaille geben können. Chambaz denkt an Gmür im Riesenslalom, an Thomas Pfyl in der Super-Kombi und im Slalom. Aber die Konkurrenz sei eben sehr stark, da müsse alles passen, damit ein Podestplatz möglich ist. Was Chambaz zu denken gibt, ist die Leistungsexplosion im chinesischen Team. “Es ist mir nicht ganz klar, wie man in drei Jahren in allen Kategorien und Disziplinen so viele so starke Athleten ausbilden kann”, sagt er. Verschiedene Nationen, darunter die Schweiz, haben bereits im Dezember einen Protest beim Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) gegen die Klassifizierungen bei einigen Athleten aus China eingereicht, “passiert ist noch absolut nichts”, sagt Chambaz. Möglicherweise wechselt der alpine Para-Sport bald vom IPC zum internationalen Skiverband (FIS). Davon erhofft sich der Schweizer Nationalcoach eine Optimierung, “dann werden die Klassifizierungen der Fahrer endlich professioneller durchgeführt”.

Langlauf: Wunsch nach Professionalisierung

Im Langlauf ist Luca Tavasci als Einzelkämpfer unterwegs, der Engadiner läuft stark. Er bestätigt praktisch seine Resultate von Pyeongchang 2018, was nach Stillstand klingt, dies aber nicht ist: Die Konkurrenz ist so viel stärker geworden und auch in der Breite gewachsen, dass diese “Bestätigung” eine klare Verbesserung ist. Tavasci und Nationaltrainerin Sandra Gredig haben bei den Paralympics immer wieder und sehr bewusst das Thema Professionalisierung aufgebracht. Will sich der Engadiner intensiv auf Paralympics vorbereiten, muss er unbezahlten Urlaub nehmen, das ist auf die Dauer nicht machbar. Zudem fehlt ihm innerhalb des Landes starke Konkurrenz, er ist viel mit Regelsportlern unterwegs, bekommt von dort wertvolle Unterstützung, “aber das ist nicht das, was Luca wirklich nach vorne bringt”, sagt Gredig. Auch sie selbst hat als Coach nur in den Wintermonaten eine Anstellung, “in einer Saison wie der aktuellen mit WM und Paralympics muss auch ich Arbeitstage hergeben”. Cortina 2026 bleibt das grosse Ziel von Tavasci, aber das sei nur im Status eines Halbprofis wirklich sinnvoll, sagt er. Wie das gehen soll in der Schweiz, wo - anders als in fast allen Nationen - staatliche Unterstützung für den Sport kaum vorgesehen ist? Das will Luca Tavasci in den nächsten Wochen und Monaten herausfinden.

Snowboard: Grossartige Tage

Für das Snowboardteam sind die Tage von Zhangjiakou grossartige Tage. Da sind einerseits die starken Auftritte von Romy Tschopp im Cross und Banked Slalom. Sie kann den Abstand zur Spitze im Vergleich zur WM in Lillehammer nochmals verkleinern, obwohl ihre Beeinträchtigung (Spina bifida) sie deutlich stärker beeinträchtigt als die Konkurrenz. Genauso wichtig ist dieser Auftritt für Coach Silvan Hofer, aber auch für die Para-Snowboardszene der Schweiz generell. “Wir haben das Team vor drei Jahren aufgebaut”, sagt Hofer, eine Teilnahme in Peking schien damals nicht möglich. Jetzt war mit Romy Tschopp, Ellen Walther und Aron Fahrni gleich ein Trio bei der WM, weitere starke Fahrer*innen sind da und allesamt voller Ehrgeiz, es der Kollegin Tschopp in Sachen Paralympics gleich zu tun. Da ist etwas im Aufbau mit einer grossen Strahlkraft auf andere, “es wäre toll, wenn sich so viele Kandidat*innen wie möglich melden”, sagt Hofer. Wetten, dass Tschopp in Cortina 2026 bei weitem nicht mehr alleine für Swiss Paralympic am Start sein wird?

Curling: Die Rangliste lügt nicht

“Ernüchternd.” Das ist das erste Wort, das Curling-Nationalcoach Stephan Pfister einfällt auf die Frage nach seiner Bilanz. Ein Sieg in 10 Spielen, der letzte Platz - so hatten er und das Team sich den Auftritt im Ice Cube von Peking nicht vorgestellt. Die vierjährige Aufbauzeit sei vor allem in den letzten drei Monaten schwer beeinträchtigt worden: der krankheitsbedingte Ausfall von Skip Eric Décorvet, die hektische Suche nach einer zweiten Frau im Team. Laurent Kneubühl rückt als Skip auf, Badmintonspielerin Cynthia Mathez wird zur “tollen Notlösung”, wie Pfister sagt. Aber all dies führt zu einer gewissen Unruhe im Team, es gibt Diskussionen um Wechsel auf den Positionen, so reicht es gegen die starke Konkurrenz nicht. “Am Ende steht man in der Rangliste da, wo man hingehört”, sagt Pfister. Wie es weitergeht, dafür sei es jetzt noch zu früh, sagt der Nationalcoach, dessen Vertrag nach den Paralympics endet. Pfister ist aber überzeugt, dass sich um Skip Kneubühl ein starkes Team aufbauen lässt. “In den kommenden zwei, drei Wochen werden wir viele Gespräche führen, dann wissen wir, welchen Weg wir gehen und wer ihn mitgehen möchte.”

Foto: Ennio Leanza/Keystone-SDA

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