8. August 2022

Im kanadischen Baie-Comeau wird vom 11. bis 14. August die UCI Para-Cycling Weltmeisterschaft ausgetragen. Mit sechs Medaillen vom Weltcup in Québec im Gepäck reisen die 12 Schweizer Para-Cycler*innen heute nach Baie-Comeau, fünf Autostunden nördlich von Québec.

Der Weltcup der Para-Cycling-Elite in Québec gibt einen Vorgeschmack auf die WM in Baie-Comeau. Es dominierten vor allem die Italiener mit insgesamt 23 Medaillen, aber auch die Schweiz ist mit Rang 7 von 24 Nationen im Medaillenranking weit oben platziert. Sandra Stöckli sorgte mit ihrem ersten Weltcupsieg im Strassenrennen für Aufmerksamkeit. Im Zeitfahren lag sie nur knappe zwei Sekunden hinter der Norwegerin Suzanna Tangen. Die Handbikerin aus Jona ist zudem Gesamtweltcupsiegerin 2022. «Es ist schon lange her, dass dies bei den Handbikern jemand erreicht hat. Allgemein waren bei diesem Weltcup nur die Top-Fahrer*innen dabei, das Niveau war sehr hoch», sagt Nationalcoach Michael Würmli. Die Zürcherin Flurina Rigling stand mit Gold im Zeitfahren sowie im Strassenrennen gleich zwei Mal zuoberst auf dem Podest. Im Strassenrennen gewann sie um eine Sekunde. Und auch die Genferin Celine van Till holte mit Silber im Zeitfahren und Bronze im Strassenrennen den Gesamtweltcupsieg bei den feucht-heissen Temperaturen in Québec. Zufrieden mit ihren Leistungen reisen Trainer und Athlet*innen heute weiter nach Baie-Comeau.

Insgesamt gehen zwölf Schweizer Athlet*innen bei der UCI-Veranstaltung an den Start, es sind genauso viele wie an der WM im portugiesischen Cascais vor einem Jahr, jedoch sind dieses Jahr nach einigen Handbike-Rücktritten nach den Paralympics in Tokio mehr stehende Fahrer*innen dabei. Davon starten zwei mit dem Dreirad und vier Fahrer*innen mit Rennrädern, welche speziell an ihr Handicap angepasst sind. Nationalcoach Dany Hirs probiert, in möglichst jeder Wettkampfklasse einen Athleten oder eine Athletin aufzubauen. Durch Diversifikation und einer breiteren Basis können im Hinblick auf die Paralympics in Paris 2024 mehr Punkte für Quotenplätze gesammelt werden. Dies sei an der WM zwar nicht der Hauptfokus, aber es spiele auch eine wichtige Rolle. "An der WM kann man am meisten Punkte für Quotenplätze sammeln. Wer gewinnt, erhält 120 Punkte"; erklärt Nationalcoach Dany Hirs.

Erfolgreiche Neulinge und Veteranen in einem Team

Die Schweizer Delegation für die WM könnte in ihrer Zusammensetzung unterschiedlicher kaum sein: Der Ex-Mountainbiker Laurent Garnier ist beispielsweise erst seit 2020 im Para-Spitzensport aktiv, der Co-Founder eines Zürcher Informatikunternehmens Timothy Zemp trainiert seit 2019 auf dem Rennrad und die ehemalige Genfer Dressurreiterin und Para-Leichtathletin Celine van Till ist in ihrer ersten Rennsaison auf dem Dreirad bereits sehr erfolgreich. In Oberösterreich holte sie den Europameistertitel im Strassenrennen sowie im Zeitfahren. Der ausgebildete Sportmanager Fabiano Wey ist 2018 wegen verstärkten Gleichgewichtsstörungen auf das Dreirad umgestiegen und für die Studentin Flurina Rigling ist es die dritte erfolgreiche Rennsaison. Derzeit ist sie Europameisterin im Strassenrennen und Vize-Europameisterin im Zeitfahren. Dagegen kann der Aargauer Routinier Roger Bolliger bereits viele internationale Erfahrungen mit seinen Teamkolleg*innen teilen. Er hat bereits 2010 und 2013 an der WM in Baie-Comeau teilgenommen.

Bei den Handbikern kann die Para-Sport-Legende Heinz Frei auf eine rund vierzigjährige Karriere zurückblicken. Zudem gehen bei der WM Benjamin Früh, Felix Frohofer, Fabian Recher, Sandra Stöckli und Alain Tuor mit dem Handbike an den Start. Alle haben schon internationale Titelwettkämpfe bestritten. Sandra Stöckli holte bei allen Weltcups der Saison und an der EM Medaillen, deshalb will sie auch an der WM um die Podestplätze mitfahren. Auch Benjamin Früh fuhr in dieser Saison in die Medaillenränge. Der Tetraplegiker startete 2015 erstmals im Weltcup.

So unterschiedlich das Schweizer Team ist, eines vereint sie: die grosse Motivation an der WM in ihre Bestleistung zu zeigen und nebenbei Punkte für Paris 2024 zu sammeln.

Rennstrecke bietet spezielle Herausforderungen

Die Rennstrecke entlang des St. Lorenz Stroms bietet einige Herausforderungen. Sie ist keineswegs nur flach, zwischendrin gibt es Steigungen von 9 bis 13 Prozent. Zudem gibt es technische Stellen in den Kurven im Ortskern, zum Beispiel steile Abfahrten mit 90 Grad-Kurven im Anschluss. "Die Strecke ist schwieriger als in den Jahren zuvor, da es einen Anstieg mehr für die stehenden Fahrer*innen gibt. Wer vorher schon Mühe hatte, wird jetzt noch mehr leiden müssen", berichtet Dany Hirs. Steigungen und Herausforderungen habe das Schweizer Team aber nicht ungern. "Es ist eine gute Strecke", so Hirs.

Auch Handbiker Heinz Frei freut sich auf die anspruchsvolle Strecke in Baie-Comeau, die er von ehemaligen Meisterschaften kennt. "Der eine Aufstieg ist sehr selektiv, dort sind an früheren Rennen jeweils die Top-Gruppen entstanden. Ich versuche mich so fit wie möglich zu halten. Ich weiss, ich muss nicht mehr in die Medaillenränge fahren, aber ich möchte ein paar Quotenplatz-Punkte für das Team erkämpfen", so der ehrgeizige 64-Jährige. Zudem freue er sich auf den frankokanadischer Charme in Québec, das Zusammensein der Handbiker*innen und stehenden Fahrer*innen an einem Ort sowie die herzliche Stimmung in Baie-Comeau.

Chancen auf einen Podestplatz rechnet sich Sandra Stöckli aus, die bei allen Weltcups der Saison Silber holte und auch an der EM Silber und Bronze gewann. "Ich gehe davon aus, dass das Teilnehmerfeld ähnlich sein wird wie im Weltcup", sagt sie. Sandra Stöckli ist zum ersten Mal in Kanada. Anders als einige ihrer Handbike-Kollegen war sie noch nie in Baie-Comeau.

Keine Müdigkeit, nur Vorfreude

Müdigkeit in den Beinen und Armen verspüren die Schweizer*innen gegen Ende der Saison nicht. Die WM ist ihr Saisonhighlight. "Wir sind es auch in der Weltcup-Saison gewohnt in zwei Wochen acht Rennen zu fahren. Es ist gut zwei Rennen in Québec auszutragen, so ist der Aufwand für zwei Wettkämpfe geringer", sagt Coach Dany Hirs. "Ich freue mich mega auf die WM-Rennen. Danach bin ich dann sicher müde oder froh, mal nicht mehr aus dem Koffer leben zu müssen. Wir sind seit April ständig unterwegs", sagt Sandra Stöckli.

Bei der Cycling-WM treten 330 Athlet*innen an. Die zahlenmässig grössten Teams kommen aus den USA, Kanada, Frankreich und Italien. Der Event startet mit dem Zeitfahren am 11. und 12. August – im Anschluss steht die Team-Staffel der Handbiker auf dem Programm. Zum Abschluss messen sich die Para-Cycler*innen im Strassenrennen am 13. und 14. August.

 

Foto by Nico Morawitz: Gesamtweltcupsiegerin Sandra Stöckli nimmt auch an der WM teil.

 

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