16. März 2018

Der dreifache Paralympics-Sieger Théo Gmür ist zum Medien-Objekt der Begierde geworden. Die Frage der Nachhaltigkeit stellt sich nicht nur bei der Infrastruktur.

Vor den Paralympics nahmen die Medien Théo Gmür ausserhalb von Haute-Nendaz und Umgebung kaum wahr. Gesamtweltcup-Sieger, Riesenslalom-Weltcupsieger, zweifacher Weltcup-Sieger, Vize-Weltmeister, fast niemand interessierte sich für den jungen Walliser mit dem Ostschweizer Familiennamen. Eine grosse Schweizer Tageszeitung musste fast genötigt werden, den Copain von Robin Cuche auch zum Interview einzuladen.
Seither sind auf den Tag genau zwei Wochen vergangen. Und die nationale Behinderten-Sportwelt steht Kopf. Quer durch die Schweiz schreit die Medienwelt nach „Théooohhh“. Sie wollen nicht wie im Schlager von Vicky Leandros besungen nach Lodz fahren, sondern Haute-Nendaz soll zum Pilgerort werden. Home-Storys sind vom Sympathieträger gefragt, Intimes möchte recherchiert werden. Live aus Pyeongchang für Radio/Tele XY und YZ am Telefon: Der neue Schweizer Superstar Théo Gmür. Es mache ihm fast Angst, was da abgehe, was auf ihn zukomme, hat er kürzlich gesagt.
Der Erfolg kann zum Stolperstein werden. Für den Überflieger stellt sich die Frage: Strecke ich den kleinen Finger aus oder die ganze Hand? Er hat sich in den meisten Fällen für den Mittelweg entschieden. Je nach Anfrage, Grösse der Berichterstattung, Nutzen für den Para-Sport und Ski speziell. Bevorzugt werden vor Ort anwesende Fotografen, Journalisten und Reporter.
Glücklicherweise ist Théo Gmür lernfähig, weiss seit der ersten Goldmedaille wie die Medienwelt tickt. Das erste Mal lächelte er an den Fotografen vorbei, das zweite Mal bediente er sie alle, das dritte Mal präsentierte er, allerdings bei Nebel, Regen und Kälte, auch die Medaille perfekt. Andere brauchen eine Medienschulung, um zu lernen, was er instinktiv richtig macht.
Vielfach ist von Internet- und sonstigen Telefonisten „gmürsches“ Kurzfutter gefragt. Also gibt es die üblichen Standard-Antworten. Immer freundlich, zuvorkommend. Längst hat er erkannt, das nicht die vielen SMS-Schreiber jene sind, welche sich ernsthaft für ihn interessieren, sich auch melden werden, sollte er an der WM 2019 in Obersaxen neben dem Podest stehen. Vielleicht ist dort alles anders und Robin Cuche lächelt mit Medaillen in die Kameras. Für den Neuenburger waren es schwierige Paralympics. Er freute sich mit Théo, wäre aber gerne auch erfolgreich gewesen. Robin bietet sich allerdings ebenfalls eine Chance: Er kann aus dem Schatten seines berühmten Onkels treten, die Dauer-Vergleiche mit Didier abstreifen, einen Neuanfang wagen. Der Name „Cuche“ ist zur Belastung geworden.
Immer wieder die gleichen Fragen zu und über seinen Onkel, das Gefühl nur wegen Didier befragt zu werden, so erfolgreich sein zu müssen, das kostet Substanz und Selbstvertrauen, die Eigenständigkeit geht verloren. Die Medien müssen künftig wohl akzeptieren, dass Robin Cuche nicht mehr der „kleine Didier“, sondern Robin sein möchte, im Ziel auch den Ski nicht mehr wie Didier in der Luft drehend auffängt. Gut so.
Die Paralympics haben kurzfristig für Robin Cuche und Théo Gmür (alphabetisch genannt) unterschiedliche Auswirkungen. Mittelfristig jedoch kaum. Die einfache Ausgangslage hat Robin. Er kann sich durch eigene Leistungen ins Rampenlicht zurückkämpfen, sich als Robin Cuche positionieren. Théo Gmür muss sich bestätigen. Das wird ihm gelingen. Und gleich wie es raus kommt: Beides sind gute Typen. Mit oder ohne Medaille.

Robin Cuche im Gespräch mit SRF-Paralympics-Projektleiterin Angelika Kren

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